The Static

gegründet 1978 von Glenn Branca, Barbara Ess und Christine Hahn

Biografie

Glenn Branca

geboren 1948 in Harrisburg, Pennsylvania; gestorben 2018 in New York City; US-amerikanischer Avantgarde-Komponist und Gitarrist

Ab 1977 diverse Band-Projekte (Theoretical Girls, The Static, Glenn Branca Ensemble)

1981–2015 Komposition von 16 Symphonien für bis zu 100 E-Gitarren; zahlreiche Platten-Veröffentlichungen

1982–1987 Betreiber des Plattenlabels Neutral Records

Barbara Ess

Barbara Ess ist eine Künstlerin, die in New York City lebt und arbeitet. Für ihre Arbeiten, die an vielen Orten in den USA und in Europa präsentiert wurden, verwendet sie Fotografie, Video und Sound. Sie hat mit zahlreichen Bands performt und Stücke aufgenommen. Darüber hinaus ist sie die Organisatorin und Herausgeberin des Multimedia-Kollaborationsprojekts Just Another Asshole # 1–7. Sie ist außerordentliche Professorin für Fotografie am Bard College.

Christine Hahn

geboren 1955 in Lakewood, Ohio; lebt in Maryland

1977–1979 Grafikdesign-Studium am Hunter College, New York

1980–1984 lebt in Berlin

1989–1991 Studium an der Art Academy in Cincinnati

1997–1999 Studium am Montgomery College in Maryland

1998–2002 Neue-Medien-Beauftragte am Smithsonian American Art Museum in Washington DC

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Downtown New York gegen Ende der 1970er-Jahre: Das war das künstlerische Versuchslabor, in dem die Karrieren von Glenn Branca, Barbara Ess und Christine Hahn ihren Ausgang nahmen. Alle drei hatten unterschiedliche Backgrounds, alle drei waren aus anderen Städten zugezogen: Branca aus Boston, wo er mit diversen Bands und in der experimentellen Theaterszene aktiv gewesen war; Ess, die zuvor in Ann Arbor Philosophie und Literatur bzw. in London Film studiert hatte; und Hahn, die es aus Ohio bzw. Texas nach New York verschlagen hatte, um dort Grafikdesign zu studieren. 1978 begegneten sie einander, zunächst über das gemeinsame Musikmachen, um parallel dazu ihre jeweiligen Künstlerlaufbahnen einzuschlagen. (Branca zog es in den Bereich der avantgardistischen Rockmusik, wo er ab 1980 seine teils symphonischen Kompositionen realisierte.)

Barbara Ess beschränkte sich von Beginn an weder auf Musik noch bildende Kunst allein. So gab sie zwischen 1978 und 1987 sieben Ausgaben der Publikation Just Another Asshole heraus, die jedes Mal in einem anderen Format (Magazin, Buch, LP etc.) erschien und bis heute eines der repräsentativsten Kompendien der damaligen Downtown-Szene quer durch alle Sparten bildet. Zeitgleich arbeitete sie im bzw. mit dem Medium Fotografie, und hier insbesondere (ab 1983) mit einer Lochkamera, deren charakteristische, wie mit einem Weichzeichner bearbeitete „Low-fi-Aufnahmen“ sie zumeist in monochromen, erdfarbenen Abzügen fertigte. Viele von Ess’ enigmatischen Serien, etwa „Have You Ever Experienced Ecstasy?“ (1982) oder „Food for the Moon“ (1986), wirken – schon vor ihrer Verwendung der Lochkamera –, als würden sie eine geisterhafte Parallelwelt abbilden: schattenreich, verzerrt, bewusst unscharf. Als wolle Ess, deren Sujets meist Natur, Kinder, Frauen oder ihre unmittelbare Umgebung waren, „fotografieren, was nicht fotografiert werden kann“, wie sie einmal sagte. Neuere Arbeiten befassen sich mit Themenkomplexen wie Überwachung, Grenzregimen oder Eingeschlossen-Sein, wobei stets auf eine grundlegende Ambivalenz von Wahrnehmungsgrenzen abgezielt wird – wo hört das wahrnehmende Ich auf und wo fängt der/die wahrgenommene Andere an?

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Christine Hahn begann parallel zu ihrer Musikerinnenlaufbahn in mehreren Medien zu arbeiten – von Malerei, konzeptueller Fotografie bis hin zu Zeichnung und Druckgrafik. Nach ihrer Begegnung mit Martin Kippenberger 1979 kollaborierte sie punktuell mit diesem, etwa bei der gemeinsam herausgegebenen Zeitschrift Sehr gut/Very good (1979) oder dem Bandprojekt Luxus. Später widmete sie sich – neben längeren Phasen als Grafikdesignerin – bewusst „defizienten“ Abbildungspraktiken wie der niedrig auflösenden Digitalfotografie, etwa in der Serie „Deliquesce“ (2000), in der Aufnahmen von Himmel, Wasser oder Lichtreflektionen eine „grobkörnige, traumartige Textur“ freilegen. Ganz der geometrischen Abstraktion verpflichtet ist ihre Bilderserie „BlinkBlinkBlink“ (2005), während der dunkle Farbauftrag in den Gemälden der Reihe „On Transcience“ (2007) Flüchtiges und Vergängliches evoziert. „Immix Remix“ (2009) umfasst ein Set von aus Zeitungs- und Magazinausschnitten gefertigten, kompositorisch höchst spannungsgeladenen Stream-of-Consciousness-Collagen, wohingegen die um das Jugendlichenalter kreisende Installation Boxes (2011) die mediale Vielseitigkeit und transdisziplinäre Versiertheit ihrer künstlerischen Arbeit unter Beweis stellt.

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Musik

Musik

Glenn Brancas musikalische Anfänge gehen in die 1960er-Jahre zurück, als er, noch als Teenager, in diversen Cover-Bands aktiv war. Parallel zu seinem Theaterstudium in Boston entwickelte er sein später charakteristisches, minimalistisches Gitarrenspiel, während er zugleich wiederholt mit Sound-Art-Stücken experimentierte. Nach seiner Übersiedlung nach New York im Jahr 1976 gründete er zunächst (gemeinsam mit Jeffrey Lohn) eine Theatergruppe, um im folgenden Jahr seine erste, ganz der No-Wave-Idee verpflichtete Band namens Theoretical Girls und 1978 The Static (gemeinsam mit Ess und Hahn) ins Leben zu rufen. Nach dem eher Song-basierten Ansatz dieser beiden Gruppen widmete er sich ab 1980 ganz seiner Solokarriere als Komponist, dessen teils symphonische Werke – für bis zu 100 Gitarren – Drone- und Mikrotonalitäts-Sphären von lang wiederholten Akkorden ausloteten. Branca, der auch das für die New Yorker Noise-Szene wichtige Label Neutral Records betrieb, komponierte ab der siebten seiner insgesamt 16 Symphonien für ganze Orchester, um gegen Ende seines Lebens zu seinem Markenzeichen, verquerer, obertongesättigter Gitarrenharmonien, zurückzukehren.

Barbara Ess und Christine Hahn begannen Ende 1977 in der Formation Daily Life zusammenzuspielen, der anfangs auch Glenn Branca und der Künstler Paul McMahon angehörten. Nach deren Auflösung machte das Trio parallel zu Brancas Band Theoretical Girls unter dem Namen The Static weiter. Mit Ess am Bass und Hahn am Schlagzeug nahm die Gruppe 1979 die Single „My Relationship/Don’t Let Me Stop You“ auf und spielte im gleichen Jahr anlässlich einer Performance von Dan Graham in London eine auf Cassette veröffentlichte Instrumental-Session ein.

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Ab hier verzweigen sich die Wege der individuellen Musikerinnenkarrieren: Ess begann ab 1980 in dem bekannten feministischen No-Wave-Trio Y Pants zu spielen. Teils mit Spielzeuginstrumenten und einem Hang zu renitenter Eindringlichkeit nahm die Gruppe gegen den Strich gebürstete Coverversionen von Jagger/Richards auf, vertonte Brecht und Emily Dickinson und bildete insgesamt eine jener Frühachtziger-Post-Punk-Bands, die ein neues weibliches Selbstverständnis propagierten. Primär unter Beschuss von Y Pants gerieten traditionelle (heteronormative) Beziehungen: „Got this feeeling for you – beat it down!“ oder „Love’s a disease, a viral infection“, wie es in ihren Songs treffend hieß. Später setzte Ess, die in den 1980er-Jahren auch mehrere um Frauenfiguren kreisende Hörstücke für das Sound-Art-Cassetten-Magazin Tellus aufnahm, ihren feministischen Musikansatz mit der Band Ultra Vulva oder 2001 gemeinsam mit der Künstlerin Peggy Ahwesh in dem Projekt „Radio Guitar“ fort.

Christine Hahn, die neben The Static auch dem Trio CKM (zusammen mit Kim Gordon und Stanton Miranda) angehörte, lernte 1979 Martin Kippenberger kennen, woraus das gemeinsame Projekt Luxus (mit Eric Mitchell) resultierte. Deren heute gesuchte Doppelsingle ist gleichsam den Inbegriff rotzig dilettierender Künstler*innen-Musik. Hahn übersiedelte in der Folge nach Berlin, wo sie gemeinsam mit dem Tangerine Dream- und Iggy Pop-Schlagzeuger Klaus Krüger kühl-minimalistische Synthie-Oden einspielte (zu hören auf den LPs One Is One und Zwischenmischung). Ungleich erfolgreicher und bis heute stilprägend wurde ihre Arbeit mit der All-Female-New-Wave-Band Malaria!, die ab Anfang 1981 neue Maßstäbe im deutschsprachigen Musikkontext setzte und kleine Hits wie „Your Turn To Run“ und „Kaltes klares Wasser“ landete, die wiederum bis in New Yorker Szeneclubs ausstrahlten. Nach dem Ende von Malaria! 1983 hielt sich Hahn eine Zeit lang vom Musikmachen fern, um 2017 gemeinsam mit ihrer Malaria!-Mitstreiterin Bettina Köster in deren Minimal-Synth-Epos Kolonel Silvertop kongenial wiederzukehren.

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

The Static

Aus: 135 Grand Street, NYC 1979, mit Barbara Ess (bass guit.), Christine Hahn (dr.), Glenn Branca (guit.), 4:00 min
Film: Ericka Beckman, Courtesy: Ericka Beckman

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Private Lofts spielten in der New Yorker Downtown-Szene der 1970er- (und auch schon der 1960er-) Jahre eine wichtige Rolle. So auch der schlauchförmige Wohn- und Arbeitsraum der beiden Künstler*innen Paul McMahon und Nancy Chunn in der Grand Street 135, wo nicht nur McMahons „A Band“ regelmäßig probte, sondern auch immer wieder befreundete Musiker*innen und Künstlerkolleg*innen zu Gast waren. Eines Abends im August 1979 organisierte man eine Art Battle diverser No-Wave-Bands, die – nach der gefeierten Veröffentlichung von Brian Enos No New York-Compilation – einen selbst definierten Szenequerschnitt bieten sollte. Der Rotterdamer Fernsehsender VPRO Television, der von dem Projekt erfahren hatte, beauftragte die Künstlerin Ericka Beckman, die Auftritte zu dokumentieren. Beckmans Super-8-Filme und Tonbänder (ursprünglich getrennt aufgenommen) blieben in der Folge archiviert, bis die Künstlerin sie anlässlich der Ausstellung The Pictures Generation 2009 im New Yorker Metropolitan Museum wieder hervorholte und zu einem 55-minütigen Film montierte.

Zehn Acts, teilweise mit mehreren Stücken, sind in dem raren Zeitdokument enthalten. The Static – der doppeldeutige Name verweist auf das Störende, Rauschende ebenso wie auf das Statische, Stillstehende – performen im Film den Track „The Spectacular Commodity“ – Branca, ganz in Schwarz, und Ess, in rotem Tank-Top, an den beiden Gitarren, Hahn, in schwarzem Tank-Top, am blauen Schlagzeug. Der Track – Branca nahm ihn später für seine Debüt-LP The Ascension (1981) noch einmal in erweiterter Formation auf – beginnt mit einem einfachen Grundmotiv, in dem sechs Töne in Call-and-Response-Manier wiederholt werden. Es folgt eine Reihe abgehackter, Staccato-artiger Akkorde, zu denen Beckman Bilder funkensprühender Feuerwerke montiert hat. Das Grundthema kehrt wieder, wonach das Stück, mit verstärkt einsetzender Percussion, langsam Fahrt aufnimmt und allmählich in Richtung minimalistischem Rock-Instrumental abzuheben beginnt. Der Hochton-Flug steigert sich immer weiter, wobei das Schlagzeug immer neue Rhythmusschneisen in das Klanggewitter hackt, bis der Track in einem punktgenau gesetzten Schlussakkord endet. Ein „spektakulärer“ Dreiklang allemal, wenn auch in einem gänzlich anderen Sinn als dem des mit Understatement formulierten Track-Titels.

Autor*in:

Christian Höller