Katharina Grosse und Stefan Schneider

Biografie

Katharina Grosse

geboren 1961 in Freiburg, Breisgau; lebt und arbeitet in Berlin und Neuseeland

1982–1986 Studium an der Kunstakademie Münster bei Johannes Brus und Norbert Tadaeusz

1986–1990 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, Meisterklasse Gotthard Graubner

1998 Teilnahme an der Biennale Sydney

2000–2009 Professur an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee

2002 Teilnahme an der Biennale São Paulo

2010–2018 Professur an der Kunstakademie Düsseldorf

2015 Teilnahme an der Biennale Venedig, im selben Jahr Realisation einer ortsbezogenen Malerei in der Versammlungshalle des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses des Deutschen Bundestages

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Anfänglich mit Pinsel und breiten Bürsten, seit 1998 vorwiegend mit der Spraypistole arbeitend, schafft Katharina Grosse abstrakte Farblandschaften, die zunehmend größer wurden und mittlerweile in vielen Fällen das Geviert des klassischen Tafelbildes verlassen haben. Für ihre Installation in der großen Halle der Nationalgalerie Prag (2018) hat die Künstlerin zwei gigantische, aus zahlreichen Stoffbahnen bestehende Bilder aus einer Höhe von fast 15 Metern und über ein Breite von jeweils etwa 55 Metern von der Decke herabfließen und am Boden noch 5 Meter auslaufen lassen. In anderen Arbeiten besetzt sie plastische Malgründe, wie beispielsweise im Kunsthaus Graz (2014), wo sie ein furchiges Faltengebirge als Träger ihrer Malerei konstruiert hat. Darüber hinaus übermalt Grosse nicht nur Gegenstände wie Möbel oder Naturmaterialien, sondern ganze Räume inklusive Boden und Decke, ja sogar Häuser und Landschaften, etwa eine verlassene Militärbaracke am Strand von New York (2016), oder die Natur zu beiden Seiten einer Küstenstraße in Arhus in Dänemark (2017). „Malerei kann überall vorkommen“, und „das gemalte Bild […] ohne Schwelle ins Leben“ treten. Alles kann „Bild“ und somit „Vorstellung“[i] werden. Dabei interessieren Grosse ganz besonders jene Zonen, wo sich Bild und Realität überlagern und die Objekt-Subjekt-Relationen sich auflösen. Indem die Grenzen zwischen diesen Polen verschwinden, wird „Realität […] flüssig“.

Grosse begreift ihre Malereien als „Prototypen möglicher Wirklichkeiten“, die Realität nicht abbilden, sondern produzieren. Ihr künstlerisches Tun versteht sie als Plädoyer für ein Vorstellen und Handeln, dass Grenzen sprengt und starre Definitionen fluid werden lässt.

[i] Sämtliche Zitate entstammen einem Vortrag, den Katharina Grosse 2018 in der Nationalgalerie Berlin hielt.

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Musik

Musik

Als Kind hat Katharina Grosse Querflöte gelernt und in Jugend-Symphonieorchestern gespielt, später einen Sommer-Workshop besucht, der von einem Bratschisten aus dem Stockhausen-Kreis geleitet wurde. Dabei lernte sie die Klassiker der Avantgarde (wie John Cage etc.) kennen.

Stefan Schneider (geboren 1961 in Düsseldorf) traf sie um 1990 an der Kunstakademie Düsseldorf. Dieser studierte damals in der Becher-Klasse Fotografie, bevor er sich nach seinem Abschluss dem Musik-Machen verschrieb, in verschiedenen Bands (Kreidler, to rococo rot) auftrat und heute auch Produzent (Begründer des Labels TAL) ist. Ihr Austausch stand schon damals im Zeichen des Überschreitens von Grenzen: Grosse und Schneider waren Teil einer losen Gruppe von Studenten aus verschiedenen Klassen, die sich zu selbst organisierten Seminaren trafen, weil sie das Gespräch mit Vertretern anderer Disziplinen als wesentlich empfanden.

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Das damals gepflegte Prinzip des dialogisierenden Austauschs griffen die beiden Jahre später wieder auf und führen es bis heute sporadisch weiter. Am Anfang stand 2008 die Einladung zu einem Vortrag im Kunstverein Köln, wo die Unzufriedenheit mit dem traditionellen Format von Künstlergesprächen sie dazu führte, auf Leitern sitzend über den Raum hinweg über ihre Arbeit zu sprechen. Zu ihren Füßen saßen Musiker, die währenddessen Yves Kleins Symphonie monotone – silence aufführten (bestehend aus einem einzigen lang gehaltenen D-Dur-Dreiklang und anschließendem „Nachklingen“ in konzentrierter Stille, wobei die Dauer der beiden Teile nicht festgelegt ist, sie aber gleich lang sein sollten). Eine weitere Performance fand 2013 im Berliner Kunstraum Kurt-Kurt statt, der sich in jenem Haus befindet, in dem der Dichter Kurt Tucholsky geboren wurde. In ihre dortige Performance integrierten Grosse und Schneider einen Satz aus einem Text des Dichters, ebenso wie Fragmente aus einem Interview mit den zwei jungen Männern, die nun in der ehemaligen Wohnung Tucholskys lebten. Diese hatten sie gebeten, die Räume zu beschreiben. In neuen Zusammenstellungen (Wiederholungen, Verschiebungen) setzten sie diese Materialien gemeinsam mit Tonelementen so ein, dass musikalische Qualitäten entstanden. Während ihrer Performance saßen Grosse und Schneider auf den übereinandergelegten Fragmenten eines in der Nähe von Grosses Wohnung gefällten Baumes, die die Künstlerin übermalt hatte.

Vergleichbar war die Situation 2014 bei einem Konzert im Kunsthaus Graz, wo die beiden in Grosses meterhoch sich auftürmender Malerei performten. Wiederum dialogisierten sie verbal und über musikalische Töne über ihrer beider Kunst, wobei sich der von Grosse aus diesem Anlass verfasste Text unter anderem auf das Rembrandt-Porträt eines Mannes bezog, von dem eine Abbildung in der Ausstellung hing. Rembrandts in virtuoser Weise Schichten übereinanderlegende Malweise war für ihre eigene Arbeit von Relevanz.

2017 haben Grosse und Schneider beim Label TAL ihr erstes gemeinsames Album herausgebracht. Sein Titel Tiergarten bezieht sich auf den Park im Zentrum Berlins, den Walter Benjamin in seiner Schriftensammlung Berliner Kindheit um 1900 beschreibt. Benjamin bringt darin das später von Guy Debord elaborierte Prinzip des „derive“ (als zielloses Flanieren mit Umwegen und Verirrungen) zur Anwendung, dem auch Grosse und Schneiders Methodik des Musik-Machens unterliegt.

Grosse und Schneider proben nicht und machen auch keine Soundchecks. Vor Konzerten treffen sie einander lediglich für ein Gespräch, um sich aufeinander einzustimmen und Themen auszuloten, die sie in ihren Performances – in die sie meist, wenngleich nicht immer, Texte als Material integrieren – zugrunde legen wollen. Ihr Musizieren ist jeweils ein spontaner Akt im Hier und Jetzt, der weniger musikalischen Parametern als dem Prinzip des Dialogisierens folgt. Sie generieren ihre Klänge auf analogen Synthesizern, wobei sie Referenzen an bestimmte Instrumente vermeiden.

Während Grosse in ihrer Malerei durch das Übereinanderlegen zahlloser Farbschichten und vielfaches Abdecken von Teilbereichen Zeit-Cluster von großer Intensität erzeugt, unterliegt ihre Musik einem linearen Fortschreiten und somit einer anderen Form von Zeiterfahrung. Dennoch geht es auch hier um das Erzeugen unterschiedlicher Intensitäten.

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Katharina Grosse & Stefan Schneider
Kleiner Sound, großer Sound, Kunsthalle Düsseldorf, 7.2.2018, 38:52 min, Film: Claudia Müller, Courtesy: Phlox Film/Claudia Müller

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Der Auftritt von Grosse und Schneider in der Kunsthalle Düsseldorf am 7.2.2018 ist einer der eher seltenen Fälle, bei dem die beiden nicht in einer Ausstellung Grosses auftraten und auch keine Textelemente in ihre Performance integrierten. Zum Zeitpunkt des Konzerts war die Kunsthalle leer, die beiden spielten im Hauptraum, ihre Musik wurde in einen kleineren Raum übertragen.

Autor*in:

Eva Badura-Triska