Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.)

gegründet 1980 in München von Justin Hoffman, Thomas Meinecke, Michaela Melián und Wilfried Petzi

Biografie

Justin Hoffmann

geboren 1955 in Cham; lebt in Wolfsburg; Kurator, Kunsthistoriker, Musiker

1978–1986 Mitherausgeber des Magazins Mode & Verzweiflung

1986 Promotion in Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Dozent u.a. an der AdbK München, AdbK Wien, HfGK Zürich, HBK Braunschweig, Merz Akademie Stuttgart, Gastprofessor an der Kunstuniversität Linz

Seit 2004 Direktor des Kunstvereins Wolfsburg

Thomas Meinecke

geboren 1955 in Hamburg; lebt in Oberbayern und Hamburg; Autor, Musiker und DJ

1977–1982 Studium der Theaterwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München

1978–1986 Mitherausgeber des Magazins Mode & Verzweiflung

Seit 1986 zahlreiche Buchveröffentlichungen im Suhrkamp Verlag

Seit 1993 Hörspielproduktionen im BR

Seit 2008 „Plattenspieler“ am HAU, Berlin

Michaela Melián

Geboren 1956 in München; lebt in Oberbayern und Hamburg

1976–1978 Studium am Richard-Strauss-Konservatorium in München (Cello, Klavier)

1978–1984 Studium an der Akademie der Bildenden Künste München, Meisterschülerin

Gastprofessuren an der AdbK München und der ETH Zürich, seit 2010 Professorin für zeitbezogene Medien an der Hochschule für bildende Künste Hamburg

2010 Memory Loops – 300 Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München 1933–1945 Audiokunstwerk im Auftrag der Landeshauptstadt München in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk (2010 Hörspiel des Jahres, 2012 Grimme Online Award)

2018 Edwin-Scharff-Preis, Hamburg

2019 Rolandpreis für Kunst im öffentlichen Raum, Bremen

Wilfried Petzi

geboren 1948 in Bad Griesbach/Rottal; lebt in München; Fotograf, Musiker

1972–1974 Ausbildung an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie, München

1978–1986 Mitherausgeber des Magazins Mode & Verzweiflung

1982–1992 Lehrauftrag an der Fachhochschule für Gestaltung München

Seit 1986 Arbeit im Bereich Kunst- und Ausstellungsdokumentation, Künstler- und Musikerporträts

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Michaela Melián

Michaela Melián hatte ursprünglich Cello studiert, kam also gewissermaßen von der Musik, bevor sie als Studentin der Münchner Kunstakademie zu dem Redaktionskollektiv des Magazins Mode & Verzweiflung stieß. Insgesamt stellte diese Zeitschrift eine Art Sammelbecken angehender Literat*innen, Künstler*innen und Musiker*innen der damaligen, stark von Punk und New Wave beeinflussten Münchener Szene dar. Ab 1980 sollte Melián vier der insgesamt acht (bis 1986 erscheinenden) Nummern mit verantworten, während sie gleichzeitig – neben der gemeinsamen Bandtätigkeit – ihre einzelkünstlerischen Projekte vorantrieb.

Anfangs stark auf Zeichnung und Objektkunst fokussiert, begann Melián sich inhaltlich zunehmend mit feministischen Aspekten von kultureller Produktion und, darüber hinausgehend, von soziopolitischen Milieus auseinanderzusetzen. Eine frühe formale Verdichtung fand dies in der Installation Tomboy (1995), die unter anderem aus acht seriell per Handdruck auf einer Wand angebrachten historischen Frauenporträts bestand, die zuvor auf einem Fahndungscomputer der Polizei in Phantombildmanier erstellt worden waren. Die acht gleichsam dem Vergessen entrissenen Porträts, etwa von Tamara Bunke oder Charlotte Moorman, wiesen den Weg zu weiteren konzeptuellen Auseinandersetzungen mit Pionierinnen in unterschiedlichsten Sphären: So war Meliáns 2001 realisierte Installation Life as a Woman der damals weitgehend vergessenen Schauspielerin und Kybernetikerin Hedy Lamarr gewidmet. Das Prinzip meist grafisch gefertigter, von Zeichnung oder auch Text geprägter Wandbilder und damit in Zusammenhang stehender Raumobjekte sollte sich in Meliáns Werk in unterschiedlichsten Konfigurationen fortsetzen, wobei mediale Erweiterungen sukzessive eine immer wichtigere Rolle spielten. Ab 2002 setzte Melián das Format der Dia-Installation, von selbstproduzierter Musik begleitet, in immer neuen Facetten ein, egal ob thematisch eine Rokoko-Plastik der hl. Magdalena umkreisend (Ignaz Guenther House, 2002) oder den Spuren von Bernward Vespers Roman Die Reise folgend (Straße, 2003).

Meliáns historisches Interesse begann sich zunehmend auch auf die Zeit des Nationalsozialismus zu konzentrieren, etwa mit den Arbeiten Föhrenwald (2005, benannt nach einer von den Nazis erbauten Mustersiedlung südlich von München) oder dem im öffentlichen Auftrag entstandenen Audiokunstwerk Memory Loops (2010), für das sie 300 Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München produzierte. Eine weitere mediale, auch autonom funktionierende Zusatzkomponente fand Melián im Format des Hörspiels, in dem sich – bis dato existieren zwölf Arbeiten – historische Recherche, theatrales Re-Enactment, und musikalische Neuvertonung/Transformation verbinden. So nimmt etwa Speicher (2008) das verlorengegangene multimediale Experiment der VariaVision aus den 1960er-Jahren als Ausgangsmaterial für einen Film und ein Hörspiel, während Electric Ladyland (2016), ausgehend von E.T.A. Hoffmanns bzw. Jacques Offenbachs Automatenfigur Olympia, der Geschichte gegenderter „Differenz-Maschinen“ in einer Installation und einem Hörspiel nachgeht. Bei all dem reflektieren Meliáns installative Settings stets auch die ihnen zugrundeliegenden Produktionsrealitäten bzw. materiellen Bedingungen, etwa wenn sie Zeichnungen mit Nähmaschinen umsetzt und damit an spezifische weibliche Tätigkeitsbereiche erinnert; oder wenn sie, wie in der Installation Lunapark (2014) aus Glasobjekten ein spätmodernistisches Lichtspiel erstehen lässt und so in einen medienreflexiven Zusammenhang stellt.

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Musik

Musik

Freiwillige Selbstkontrolle wurde 1980 in München von Justin Hoffman, Thomas Meinecke, Michaela Melián und Wilfried Petzi gegründet. Die vier hatten sich in der Redaktion der Underground-Zeitschrift Mode & Verzweiflung zusammengefunden. Der Bandname war der von der Filmwirtschaft eingerichteten Stelle für Selbstzensur entlehnt. Derlei Zitathaftigkeit bzw. uneigentliche Rede bestimmte auch die Frühphase der Gruppe, die – stark von Post-Punk bzw. früher New Wave geprägt – mit Rhythmusmaschine, kantigen Gitarrenklängen und kühlem Keyboard-Sound vor allem auch textlich präzise akzentuierte, teils konfrontative Zeitkommentare lieferte. Bereits auf ihrer Debüt-EP Freiwillige Selbstkontrolle (1980), so wie alle ihre Releases bis 1989 auf dem legendären ZickZack-Label veröffentlicht, trat dies eingängig zutage: Der Song „Moderne Welt“ war eine im Velvet-Underground-Sound gehaltene Eloge auf alles, was Spät-Hippies und Authentizitätsverfechtern ein Gräuel war. In diese Kerbe schlug auch die erste LP Stürmer, die aufgrund des Titels sogar Nazi-Verdachtsmomente aufkommen ließ, mit ihren 18, teils sarkastisch das Leben in der BRD geißelnden Nummern jedoch Welten davon entfernt war.

Ab 1984, mit Platten wie Ça c’est le Blues oder Goes Underground, erfolgte eine zunehmende Hinwendung zu amerikanisch-deutschen Transfer- und Austauschverhältnissen, die auf Original Gasman Band (1989) einen ihrer Höhepunkte erreichen sollte. Dabei ging es F.S.K., wie sich die Band ab 1989 abgekürzt nannte, nicht bloß um die eindimensionalen Einflüsse angloamerikanischer Popmusik in Deutschland, sondern um komplexere, mehrdimensionale Prozesse von „transatlantischen Feedbacks“ (so ein Stücktitel aus dem Jahr 1993). Ab 1991, inzwischen war der Schlagzeuger Carl Oesterhelt zur Band hinzugekommen, erging man sich in immer neuen und stets inventiven Auseinandersetzungen mit „ur-amerikanischen“ Musikformen. Ob Country, Jazz, R’n’B oder Detroit-Techno, wurden alle möglichen, teils auch entlegenen Stile in F.S.K.-typischer Manier adaptiert und in funkelnde, textlich nach wie vor brillante, um allerlei Kunstreferenzen angereicherte Zeitbilder gegossen. 2012 erschien mit Akt, eine Treppe hinabsteigend in klarer Anspielung auf Duchamp ihre bislang letzte Studio-LP, die einmal mehr den Stellenwert des vorgefundenen oder von anderswo übernommenen Readymades in der Musik verhandelte. 2017 beschäftigten sie sich auf ihrem live im HKW Berlin aufgenommenen Album Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier (inklusive tatsächlicher Klavierzertrümmerung) mit Destruktionskunst und Maschinenmusik von Luigi Russolo bis Public Enemy.

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Ende der 1990er-Jahre begannen Thomas Meinecke und Michaela Melián neben der Band auch an diversen Solo-Projekten zu arbeiten. So vertonte Meinecke zusammen mit dem Elektronikmusiker Move D (David Moufang) eine Reihe seiner literarischen Texte, etwa Tomboy, um zuletzt mit On the Map (2017) eine klangliche Kartografie diverser afroamerikanischer Musik-Stile vorzulegen. Melián produzierte ab 2001 gemeinsam mit dem F.S.K-Schlagzeuger Carl Oesterhelt für ihre Installationen eine Reihe von elektroakustischen Soundtracks, die zum Teil auch auf Samples klassischer Musik zurückgreifen. 2004 erschien ihr Debütalbum Baden-Baden. Inzwischen liegen fünf LPs und diverse CD-Produktionen vor, auf denen Edits der für Kunst- und Hörspielprojekte produzierten Soundtracks bis hin zu mit gekonntem Understatement vorgetragenen Roxy Music- und David Bowie-Coverversionen versammelt sind. Beredtes Zeugnis ihrer nimmermüden, oftmals ortspezifischen Klangforschung legte zuletzt die Installation und Hörspielarbeit Music from a Frontier Town (2018) ab, die den Sound der US-amerikanischen Re-education im Nachkriegsdeutschland re-appropriiert.

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Ab nach Indien, Hallo wie geht's aus der Sendung ...sagst was'd magst des Bayerischen Rundfunks, 2.3.1982 mit Michaela Melián (voc., bass guit.), Thomas Meinecke (voc., guit.), Justin Hoffmann (voc., guit.), Wilfried Petzi (voc., guit.), 2:40 min, Courtesy: Bayerischer Rundfunk

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1982, in einem Studio des Bayerischen Rundfunks: Im Rahmen der Sendung … sagst wasd magst, zu der ehemalige Angehörige der westdeutschen außerparlamentarischen Opposition (APO) eingeladen sind, um mit Mitgliedern der Zeitschrift Mode & Verzweiflung (unter ihnen Christoph Schlingensief) zu diskutieren, leitet eine nervös tuckernde Rhythmusmaschine den Musikbeitrag von Freiwillige Selbstkontrolle ein. Die Band hat frontal Aufstellung genommen, links die Dreierformation der (männlichen) Gitarristen, davor das Keyboard und die Rhythmusmaschine, rechts die Sängerin und Bassistin Michaela Melián. Der Reihe nach beginnen die Gitarristen – erst Petzi und Meinecke, dann Hoffmann – ein zackig geschnitztes Zwei-Akkord-Stück zu spielen, bis nach mehrfach wiederholtem Bass-Break der unterkühlte Gesang einsetzt. Vier Verse, auch hier regiert das Prinzip der Wiederholung, singt Melián mit stoischer Monotonie: „Du bist kein Held auf dieser Welt/Auf dieser Welt, die uns so sehr gefällt/Und wie sie dein Gesicht entstellt/Wie deine Philosophie an dieser Welt zerschellt“. Dann, bei der zweiten Strophe, setzt zugleich der Refrain ein, unisono von den drei Männern intoniert: „Ab nach Indien/Geh doch nach Indien!“ – wieder und wieder, geradezu gebetsmühlenartig unter den Sologesang gelegt. Die zweite Strophe setzt dem Hippie-Bashing noch eins drauf: „Gestern hast du dein Geld gezählt/Das reicht für eine Rucksackreise um die Welt/Um die ganze Welt in deinem eigenen Zelt/Du bist kein Held auf dieser Welt“. Es folgen, während das „Ab nach Indien“-Mantra weiterexerziert wird, noch ein Durchlauf mit nur einer Gitarre und zu guter Letzt eine A-cappella-Version (nur mit Rhythmusbox) – Schluss, Aus, Ende. Die Ohrfeige hat, auf das Knappste reduziert, gesessen – galt sie doch jener zu Beginn der 1980er-Jahre schon mehr als Klischee, aber immer noch in Scharen existierenden Figur des Post-Hippie. Dass die Band dazu in ihrem Erscheinungsbild eine Mischung aus Kraftwerk – in adrett geordneter Formation – und Bundeswehr (die vier tragen einschlägige Uniform) evozierte, lässt den Provokationsfaktor dieser beiden Elemente erschließen: elektrischer, maschinell produzierter (und auch so anmutender) Sound einerseits, der bei Freiwillige Selbstkontrolle stets mit einer gewitzt-humanistischen Haltung konterkariert war; und andererseits als größtmöglicher Affront gegen jedes hippieske, friedensbewegte Ansinnen das Kokettieren mit dem Militärisch-Industriellen, wie es zu der Zeit auch viele andere Gruppen praktizierten. Solcherart gerät „Ab nach Indien“, enthalten auch auf der damals gerade veröffentlichten Debüt-LP Stürmer (noch ein Affront!), zu einem eindringlichen Abgesang auf eine untergehende Jugendkultur – und das mit einem doppelten Augenzwinkern: Hatten die Altvatterischen den jungen Aufbegehrern lange Zeit ein schnödes „Geh doch nach drüben!“ entgegengeschmettert (gemeint war die andere Seite des Eisernen Vorhangs), so wird dieses Totschlagargument bei F.S.K. auf das Groteskeste überzeichnet. Als wollten sie mit ihrer Travestie des konservativen Zeitgeists alles Heldenhafte, ja selbst die Figur des Anti-Helden, ad absurdum führen. Was sich realiter so nie einlösen sollte, aber für einen kurzen Augenblick, den die frühen F.S.K. hier verkörpern, seine kompaktest mögliche Form fand.

Autor*in:

Christian Höller