Beautiful Balance

2012 gegründet von Max Brand, Anne Imhof, Veit Laurent Kurz und Stefan Tcherepnin, aktiv bis 2014/15

Biografie

Anne Imhof

geboren 1978 in Gießen; lebt in Berlin und New York

2000–2003 Studium der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung Offenbach

2008–2012 Studium an der Städelschule Frankfurt, Absolventenpreis 2012

2013 erste Einzelausstellung im Portikus in Frankfurt, wo sie u.a. ihre Abschlussarbeit School of the Seven Bells zeigt

2013/14 Atelierstipendium in Paris

2015 Preis der Nationalgalerie für junge Kunst für ihre Installation Rage, die 2014 in Paris entstand

2016 Werkzyklus Angst, den Imhof als eine Oper in drei Akten bezeichnet, die jeweils an anderen Orten (Kunsthalle Basel, Hamburger Bahnhof Berlin, Biennale Montreal) gezeigt werden

2017 Deutscher Pavillon der Biennale Venedig (Auszeichnung der Arbeit Faust mit dem Goldenen Löwen)

2019–2020 Werkzyklus Sex, konzipiert für drei Orte (Tate Modern London, Art Institute of Chicago, Castello di Rivoli, Italien)

Stefan Tcherepnin

geboren 1977 in Boston; lebt in New York

1999–2003 Studium am Oberlin Conservatory of Music, Oberlin, Ohio

2003–2006 Studium am Bard College, Annandale-on-Hudson, NY

Seit 2001 zahlreiche Musikprojekte und Performances (solo und in unterschiedlichen Ensembles)

Seit 2011 zahlreiche Einzelausstellungen (u.a. bei Freedman Fitzpatrick Los Angeles/Paris) und Beteiligung an Gruppenausstellungen

Veit Laurent Kurz

geboren 1985 in Erbach; lebt in Berlin und New York

2005–2009 Hochschule für Gestaltung Offenbach

2009–2012 Staatliche Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, Frankfurt

Seit 2009 zahlreiche Ausstellungen und Musik-Performances (u.a. in der Galerie Isabella Bortolozzi Berlin)

Teil des Musik-Duos Steit gemeinsam mit Stefan Tcherepnin

Max Brand

geboren 1982 in Leipzig; lebt in Berlin

2005–2007 Hochschule für Gestaltung Offenbach

2007–2011 Studium an der Städelschule Frankfurt, Absolventenpreis 2011

Seit 2010 zahlreiche Ausstellungen (u.a. in der Galerie Jacky Strenz, Frankfurt am Main)

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Anne Imhof, Max Brand und Veit Laurent Kurz haben einander während ihrer Studienzeit an der HfG Offenbach bzw. der Frankfurter Städelschule kennengelernt. Im Kontext letzterer fanden nicht nur erste kollaborative Projekte statt, sondern begannen auch ihre unterschiedlich akzentuierten künstlerischen Karrieren konkretere Gestalt anzunehmen. Alle drei verbindet, was man als eingehende Untersuchung theatraler Gesten und Zeichenrepertoires im Zusammenhang alltagskultureller Formationen (und Transformationen) bezeichnen könnte. Bei Max Brad findet diese Auslotung „literaler“, aus verschiedensten Quellen gespeister Zeichenreservoirs im (Einzel-)Medium der Malerei statt, wobei deren Aufnahmefähigkeit durch den Einsatz vielfältigster Mittel – von Acrylfarbe und Buntstiften über Tinte und Kreide bis hin zu Finelinern und Spraydosen – einer Art inneren Entgrenzung unterzogen wird. So bilden Brands häufig großformatige Bilder – präsentiert in Ausstellungen mit betont sachlichen Titeln wie Tür (2016) oder Birds (2019) – geballte Arenen aus chimärenhaften und oft skizzenhaft erscheinenden, auf das Heftigste miteinander kollidierenden Alltagseinsprengseln. Ähnlich visionär und zugleich weltenbildend sind Veit Laurent Kurz’ Malereiinstallationen, in denen häufig Styropor und andere Modellbaumaterialien zum Einsatz kommen und – in konzeptuell reduzierter Farbgebung – zu posthuman wirkenden Ambientes verdichtet sind. Wie die fantastischen Interieurs einer posttechnologischen Ökozukunft nehmen sich Kurz’ Installationen aus, die so sprechende Titel wie Chiraptophobia, Herb-o-Rama oder Nutrition and Drama tragen.

Im Umkreis der Städelschule kam es auch zum Zusammentreffen von Brand und Kurz (über Anne Imhof) mit Stefan Tcherepnin, der parallel zu seinen diversen Musikprojekten seit den 2000er-Jahren gleichfalls eine Reihe theatraler Environments entwickelt hat. Bei Tcherepnin sind es, etwa in der Diorama-artigen Installation The Mad Masters (2018), überlebensgroße Stofftiermonster, deren ambivalenter Charakter zwischen betonter Freundlichkeit und abgrundtiefer Verstörung anhand eingefrorener Momente eines umfassenderen fantastischen Narrativs herausgestrichen wird. Auch Tcherepnins Ausstellung Honky Tonk Calamity ><Ms. Fortune on the Links (2019) stellt in ihrer Mischung aus Bar, Club, Filmset und Golfplatz die Umsetzung bzw. Theatralisierung einer monströsen, auch mit Sound ausstaffierten Bühnensituation dar.

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Anne Imhof konzipierte ihre Kunst von Anfang an als erweiterte, drei-, ja vierdimensional vonstatten gehende Bildproduktion, bei der zumal eigens komponierter Sound eine wichtige, integrative Rolle spielt. Wie ins performativ Verzeitlichte und zugleich Verräumlichte ausholende Malereien wirkten die einzelnen Stationen ihrer ersten Werkreihe School of the Seven Bells, die, basierend auf Taschendiebstahlpraktiken in Neapel, eine Gruppe miteinander Verschworener und zugleich radikal Vereinzelter bei heimlichen Weitergabe- bzw. Entwendungsritualen zeigte. Diese Performance oder Oper, wie Imhof ihre genuine Art von Sound-getriebener und zeitlich gedehnter Rauminstallation später einmal bezeichnete, sollte in weiteren Zyklen kongeniale Fortsetzungen finden: in Rage und Deal etwa, die verdichtet zu For Ever Rage (2015) einen ersten Höhepunkt ihrer oft quälend lebensnahen Affekterkundungen darstellten; oder in den drei Teilen von Angst (2016–2017), dessen Inszenierungsform mit immer weitläufigeren skulpturalen Settings, Tier-Akteuren und einer erweiterten Cast aus langjährigen Kollaborateur*innen und für die Performance engagierten Models ein höchst intensives Spannungsnetz generierte. Für jedes der Stücke neu gefertigte Wandbilder, Zeichnungen, minimalistische Objekte, Buttermilch- oder Red-Bull-Behältnisse, dazu eine Soundkulisse zwischen elegischem Sologesang und monströs anschwellenden Drones, und nicht zuletzt poetische Texteinsprengsel als Allegorien auf eine zum Nullpunkt geschrumpfte Gegenwart – all das und vieles mehr (Falken, Schildkröten, echte Drohnen) bildet das Grundmaterial, aus dem Imhofs stets wie zu einer Zerreißprobe aufgespannte Bildschöpfungen gebaut sind.

Faust im Deutschen Pavillon der 57. Venedig-Biennale stellte diesbezüglich eine noch weiter verdichtete Steigerungsstufe dar – inklusive bellender Wachhunde und gläserner Bodeneinfassung, die auf Corporate-Architektur und ihre fiktive Anmutung ungehinderter Omni-Transparenz anspielt. 2019 begann Imhof mit Sex, erneut in drei (bis dato noch nicht abgeschlossenen) Kapiteln, zeitgenössischen Begehrens- und Fetischismusformen nachzugehen.

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Musik

Musik

Anne Imhofs Werk, ihre in den dreidimensionalen Raum ebenso wie über längere Zeitstrecken ausgeweitete „Malerei“, baute von Anfang an auf einer wie selbstverständlich darin verorteten musikalischen Komponente auf. So produzierte sie früh, etwa im Rahmen ihrer Arbeiten Ähjeii oder School of the Seven Bells, ausgedehnte Soundtracks, die integrative Bestandteile des performativen Geschehens darstellen. 2012 entstand so für das zuvor schon im Zuge eines Städelschule-Rundgangs präsentierte Ähjeii gemeinsam mit dem belgischen Künstler und Musiker Billy Bultheel eine flächig angelegte, immer wieder von anschwellenden Drones oder bizarren rhythmischen Akzenten durchsetzte Komposition. Bultheel war auch federführend an den Musiktracks von Imhofs Performance-Reihe School of the Seven Bells beteiligt – bis die Künstlerin mit der 2012 gegründeten Band Beautiful Balance das Musikgeschehen dieser Reihe nochmals anders, gruppenspezifischer gestaltete. Nach der ca. zweijährigen Phase mit der Band Beautiful Balance begann Imhof für Rage und Deal sowie die Trilogie Angst wieder verstärkt mit Bultheel zusammenzuarbeiten, wobei sie vermehrt auch Songs im Rahmen ihrer Dauer-Performances einsetzte (eines dieser Stücke, „Brand New Gods“, erschien 2016 auf Platte). Für Faust (2017) produzierte sie gemeinsam mit Bultheel und der ebenfalls maßgeblich an der Musik beteiligten Eliza Douglas sowie Franziska Aigner eine Art Suite, die 2019 – unter Verwendung von live im Deutschen Venedig-Pavillon aufgenommenen Teilen – als Album veröffentlicht wurde. Faust offenbart die ganze Bandbreite von Imhofs musikalischem Kosmos – von düster-elegischen Gesangsstücken wie „Medusa’s Song“ oder „Queen Song“ über flächig bzw. Drone-artig angelegte Instrumentalpartien bis zu im Chor aufgeführten Coverversionen eines Marilyn-Manson-Songs oder des Partisanenvolkslieds „Bella Ciao“.

Unter Imhofs Mitmusikern in der Band Beautiful Balance ist Stefan Tcherepnin der umtriebigste und vielfältigste, war dieser doch parallel zu seinem Musikstudium seit 2000 in zahlreichen Formationen und Konstellationen (unterschiedlichste Stile erprobend) aktiv. Tcherepnin war Anfang der 2000er-Jahre Teil der College-Band The Gongs, die nach eigener Definition „musikalische Spiele“ aufführte, spielte 2007 mit dem Künstler Seth Price ein hochenergetisches Synthesizer-Duett („Gowanus“) ein und nahm zuletzt mit den Duo-Formationen PSST und Afuma eigenwillige Genre-Dehnungen (Gospel, Doom) vor. Tcherepnin, der 2019 auch eine Komposition der legendären Elektroakustikmusikern Maryanne Amacher am Klavier mit einspielte („Petra“), ist zudem seit 2012 gemeinsam mit Veit Laurent Kurz in der Formation Steit aktiv.

In der Ausstellung

In der Ausstellung

Konzert zur Vernissage der Ausstellung von Michael Krebber im CAPC Bordeaux, 15. November 2012, mit Max Brand (perc., synth.), Anne Imhof (bass guit., voc.), Veit Laurent Kurz (drums, synth.), Stefan Tcherepnin (guit., synth.), 55:20 min

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2012 kam es anlässlich einer Ausstellung von Michael Krebber (Max Brand hatte bei ihm studiert) am CAPC musée d’art contemporain de Bordeaux zur öffentlichen Geburtsstunde von Beautiful Balance. Die vier hatten sich kurz zuvor zusammengefunden, nachdem Brand, Imhof und Kurz bereits 2009 in gemeinsamen Musik-Performances kooperiert hatten und der US-Amerikaner Tcherepnin im Zuge einer Ausstellung in Basel zu ihnen gestoßen war. Die Band bildete eine Versuchsanordnung, was gruppeninterne Dynamiken und stets im Fluss befindliche Austauschverhältnisse unter den vier Protagonist*innen betraf – ihr Debütkonzert anlässlich der Eröffnung von Krebbers Ausstellung am 15. November 2012 stellt dies eindrucksvoll unter Beweis. In der Mitte der großen Ausstellungshalle – am Boden und an den Wänden diverse Exponate von Krebber – beginnen die vier der Reihe nach und immer wieder die Instrumente wechselnd, ihre changierenden Repertoires in den Gruppen-Sound einzubringen. Tcherepnin gibt zunächst den Ton am Keyboard vor, worauf die anderen nach und nach auf das elegische Motiv einsteigen und in verschiedenste Richtungen zu dehnen und verzerren anfangen. Imhof, zunächst an der Gitarre, steuert immer wieder ihren betörenden Sprechgesang bei, wechselt in der Folge an die Bassgitarre, während Tcherepnin an der Gitarre übernimmt – bevor sie an einer Stelle beide am Laptop bzw. Mischpult den Sound elektronisch bearbeiten. Solcherart „riffen“ sich die vier – Kurz ist meist am Schlagzeug, gibt aber auch an einer Stelle mit einem weiteren elegischen Synthie-Motiv die melodische Richtung vor – durch Höhen und Tiefen, Verlangsamungen und Schlagzeug-getriebene Beschleunigungen. Währenddessen hockt Brand die meiste Zeit am Boden und spielt elektronische Percussion ein, bevor auch er den großen Schritt ans Schlagzeug macht. Solcherlei Instrumentenwechsel und gemeinsames, von einem/einer losgetretenes „Riffing“, in das die anderen dann modulierend, verstärkend oder transformierend einstimmen, bildet ein gruppendynamisches Prinzip ab, dessen Output sich unentwegt über Grenzen und Enden hinwegzusetzen sucht. Und so beinhaltet der elegische und immer wieder eruptiv aufbrandende Klangstrom kleine Songskizzen ebenso wie längere Improv- und Doom-Passagen bis hin zu vereinzelten Stellen in denen der Klangfluss bricht, ja gänzlich abreißt – bis alle vier wieder in mehrstimmigem Gesang zusammenzufinden, ohne auch hier die stets notwendige, unsichere Balance aus den Augen (und den Ohren) zu verlieren.

Autor*in:

Christian Höller