Yoko Ono: Music of the Mind

Lisa Beißwanger

DIE ANFÄNGE

Yoko Ono – die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt (Zitat John Lennon) – wird inzwischen für ihre wegweisenden Werke der Performance- und Konzeptkunst gewürdigt, die ab den späten 1950er Jahren im losen Zusammenhang mit der Fluxusbewegung entstanden sind. Ihr umfangreiches musikalisches Schaffen wiederum bleibt weiterhin nahezu unbekannt. Dabei bildet die Musik das Fundament ihres künstlerischen Schaffens und begleitete sie von Kindheit an. Aufgewachsen in Japan und den USA als Tochter einer wohlhabenden japanischen Familie, erhielt sie klassischen Klavierunterricht und besuchte mit ihrer Mutter das traditionelle Kabuki Theater, dessen für westliche Ohren ungewöhnlichen Geräuschkulissen ebenso wie die sogenannten Enkas, eine Art japanischer Schlager, zu ihrer frühen musikalischen Bildung beitrugen. Bei genauem Hören bleiben die Einflüsse vor allem japanischer Musik in Onos musikalischem Werk präsent, obwohl sie spätestens in ihren Studienjahren der traditionellen Musikproduktion den Rücken kehrte.

FLUXUS – IM BANN DER NACHKRIEGSAVANTGARDE

Fest entschlossen Komponistin zu werden, besuchte Yoko Ono unterschiedliche Hochschulen und traf auf verschiedene Mentoren und Gleichgesinnte, darunter John Cage und David Tudor. Obwohl sie sich selbst nie der Fluxus-Bewegung zuschrieb, bewegte sie sich in diesen Kreisen und ihr New Yorker Loft wurde zum Treffpunkt für Avantgarde-Künstlern*innen, die das gemeinsame Ziel verfolgten, die Grenzen zwischen den Kunstformen oder gleich zwischen Kunst und Leben aufzulösen. In diesem Kontext entstanden ihre ersten eigenen Kompositionen in Form musikalischer Notationen, in welchen sie anstatt Noten Worte nutze und die sie selbst als Instructions bezeichnete. Musikalische Konzeptkunst also, die nicht nur von ihr selbst, sondern auch von anderen umgesetzt werden konnte. Eine Sammlung dieser Instructions erschien 1964 in ihrem berühmten Künstlerbuch Grapefruit, darin auch ihr frühes Musikstück Voice Piece for Soprano (1961):

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Gedicht, kann in die Tat umgesetzt ein Protestschrei sein, eine persönliche Befreiung und eben auch Musik. Eine historische Aufnahme des Stücks von Ono ist nicht überliefert, nur eine S/W-Fotografie. Sie hat das Stück aber immer wieder aufgeführt und von neueren Aufführungen existieren Aufzeichnungen (z.B. MoMA 01.12.2017).

AVANTGARDE TRIFFT POP

Die Begegnung mit John Lennon bedeutete einen Einschnitt in Yoko Onos musikalisches Schaffen – und in seines. Als sich Ono und Lennon im Rahmen ihres Ausstellungsdebuts in London 1966 erstmals begegnen, wusste sie nicht wer er war. Popmusik interessierte sie zu dem Zeitpunkt nicht, erst durch den Beatle lernte sie diese Ausdrucksform kennen und schätzen. Ono wiederum konnte Lennons bereits bestehendes Interesse an neuer Kunst und Avantgardemusik bedienen. Bald kommt zur ersten Zusammenarbeit, die sich als LP, Onos ersten veröffentlichten Platte, manifestierte. Um die Entstehung der Platte Unfinished Music No. 1: Two Virgins (01.12.2017) ranken sich Legenden. Aufgenommen wurde das Album angeblich in einer einzigen Nacht, am 20. Mai 1968, bei John Lennon zuhause. Wie hört sich das an, wenn Pop und Avantgarde aufeinandertreffen? Genial und unhörbar zugleich: Sprach- und Gesangsequenzen wechseln sich ab, begleitet von einem Klavier, atmosphärischen Gitarrenklängen, Alltagsgeräuschen, elektronischen Störgeräuschen und Verzerrungen. Die Beatles-Generation war entsetzt und scheint noch nicht bereit gewesen zu sein für so viel Avantgarde. Sie konnten ja nicht wissen, dass das Künstlerpaar mit dieser Aufnahme Strategien vorwegnahm, die erst Jahrzehnte später von anderen Musiker*innen aufgegriffen werden sollten. So handelt es sich um das erste Home Recording der Popgeschichte – inklusive der rauschenden LowFi-Ästhetik, die in 1990er-Jahren populär wurde und dem Noise-Sound von Bands wie Sonic Youth aus den 1980ern. Trotz oder wegen des aufsehenerregenden Plattencovers, das die beiden nackt von vorn und von hinten zeigt, landete das Album im Giftschrank der Plattenläden und wurde ein kommerzieller Flopp. Auch weiteren gemeinsamen Alben wie auch Onos Soloplatten war zunächst wenig Erfolg beschieden.

UMARMUNG DES MAINSTREAMS

Happy Xmas (war is over) (1972) war im Gegensatz dazu Onos und Lennons größter gemeinsamer Pop-Erfolg. Der Song wurde zu einem der weltweit bekanntesten Weihnachtslieder, ein Ohrwurm und ein Monument der Antikriegsbewegung für die es entstanden ist. Der Song war auch Anlass zur Gründung der Plastic Ono Band, eine Art Rock-Supergroup, wie sie damals vielerorts entstanden. Die Zusammensetzung der Band ist bis heute nicht festgelegt. Neben Ono und Lennon waren zeitweise darin vertreten: Eric Clapton als Gitarrist, Klaus Voormann als Bassist, und Alan White, später Ringo Starr am Schlagzeug. Nach dem gewaltsamen Tod John Lennons veröffentlicht Ono ihr Soloalbum Season of Glass. Darauf befindet sich auch der Song Walking on Thin Ice (01.12.2017), der, wie Lennon das kurz vor seinem Tod prophezeit hatte, Onos erster No. 1 Hit wurde. Mit seinen eingängigen Synthie-Disco-Beats kündigt der Song unverkennbar die 1980er Jahre an. Obwohl das Album vor dem Tod Lennons entstanden war, sind das umstrittenen Plattencover; das seine blutverschmierte Brille zeigt sowie das Musikvideo zu Walking on Thin Ice; als visuelle Verarbeitung der traumatischen Ereignisse zu lesen.

ONO ALS ARTIST’S ARTIST

Yoko Ono hat während ihrer gesamten künstlerischen Laufbahn durchgehend Musik produziert und veröffentlicht und tut dies bis heute. Auch wenn sie in der breiten Öffentlichkeit dafür wenig Anerkennung gefunden hat, wurde sie von Künstler*innenkollegen*innen umso mehr dafür geschätzt. Als artist’s artist hat sie nicht nur Generationen an experimentierfreudigen Musiker*innen inspiriert, sondern auch mit vielen von ihnen zusammengearbeitet. Zahlreiche Konzertaufzeichnungen und Veröffentlichungen zeugen davon. Zu ihren Kollaborateuren*innen gehören unter anderem so namhafte Künstler*innen wie Anthony Hegarty, Sonic Youth, The Flaming Lips, Peaches oder Lady Gaga.